„New Work, New Me“ | Team Insight von Lukas

VERÖFFENTLICHT

9. August 2023

ÜBER DEN AUTOR
Lukas Glöckner
TEILEN

Du leidest unter old Work. Dein Schreibtisch bewegt sich nicht. Kolleg:innen und Geschäftspartner:innen sprichst Du nicht mit Vornamen an. Du hast bunte Tapete im Büro, ne Hängematte aufm Klo? In meinem Leben gibt es keine Wände. Du hast Entscheidungsfreiheit? Ich habe Handlungsfreiheit.

Als wir noch gemeinsam in einer westlichen Agrargesellschaft lebten, war unsere Arbeit noch gleichwertig. Du machtest Dich auf den Weg in die Erwerbstätigkeit, auf den Weg zu Deinem Arbeitsplatz, ich veränderte die Spielregeln.

In der Fortsetzung der westlichen Agrargesellschaft erfindest Du ein „New Me“, verkleidest Dich, vergleichst Dich, machst Dich vergleichbar, immer erreichbar, machst Dich vermeintlich unerreichbar. Ich bin wahrhaftig frei.

Was ist „New Work“?

Alles nur Polemik, liebe Leserinnen und Leser. Und doch: Zeit einmal das Konzept von New Work näher zu betrachten und gebührend zu hinterfragen, was da gerade passiert.

Das Begriffspaar, das sich innerhalb kürzester Zeit wie ein Filter auf unsere Arbeitswelt legte, ist nämlich alles andere als „new“. Erfunden wurde der Begriff oder vielmehr die Bewegung von einem Tellerwäscher, Preisboxer, Hafenarbeiter, Theaterautor, später auf dem Land Selbstversorger und schließlich, Philosophieprofessor. 1977 publizierte Frithjof Bergmann seinen ersten Philosophieband mit dem Titel „Die Freiheit leben“.

Und die Philosophie dahinter? Bei der Lohnarbeit ist die zu erledigende Aufgabe das Ziel. Neues Arbeiten dagegen beschreibt einen Zustand, in dem nicht wir der Arbeit dienen, sondern die Arbeit uns.

Ein wie auch immer definierter Freiheitsbegriff hat innerhalb des Diskurses um New Work wieder Konjunktur – und wird in unserem Arbeitsleben zusehends mit der Möglichkeit von Home Office, Workation und flexibler Arbeitszeit assoziiert.

Was New Work als Konzept ist, beziehungsweise was Frithjof Bergmann meint: Echte Freiheit wird dem Menschen erst möglich, wenn er erkennt, was er in und mit seinem Leben wirklich tun möchte und wenn ihm die Umsetzung seiner Erkenntnis ermöglicht wird.

Das wollen wir doch alle, oder?

Statt der verzweifelten Anstrengung, immer mehr Arbeitsplätze zu schaffen und die Produktivität durch „Benefits“ zu steigern, steht die langsame globale Verbreitung einer neuen Wirtschaftsform, einer kulturellen Transformation im Fokus der neuen Arbeit.

Bergmann spricht im Zusammenhang dieser Transformation von der Überwindung der „vier Tsunamis“. Diese sind:

  • Die Schere zwischen unglaublichem Reichtum und mörderischer Armut
  • Die Verschwendung von natürlichen Ressourcen
  • Die Zerstörung unseres Klimas
  • Die Vernichtung unserer (menschlichen)Kultur

Ausgelöst wurden die vier Tsunamis von drei wesentlichen Entwicklungen des letzten Jahrhunderts:

  • Der Automatisierung
  • Der Globalisierung
  • Der weltweiten Landflucht in die Slums der Großstädte

Bisher haben wir die Antwort auf unsere globalen Probleme im weitesten Sinne im Wirtschaftswachstum gesucht. Wir exportieren Wirtschaftshilfen, importieren Fachkräfte, ordnen alle Bereiche unseres Lebens einer antiquierten Betriebswirtschaftslehre unter. Inflation, Deflation, Bruttosozialprodukt, globale Kapitalmärkte– die Liste an Begriffen, welche die wenigsten von uns wirklich in verständliche Zusammenhänge einordnen können, ließe sich noch eine ganze Weile lang fortsetzen.

Die Lösung für unsere anhaltenden globalen Probleme: Das Wirtschaftswachstum muss enden. Das Ende des Wachstums überwindet die vier Tsunamis und ermöglicht uns eben diese echte Freiheit, uns selbst zu erkennen.

Was passiert da gerade?

Viele Anbieterinnen und Anbieter von Arbeitsplätzen haben dagegen erkannt, dass die Menschen produktiver sind, wenn sie gewisse Freiheiten genießen dürfen.

Das propagieren von New Work aus Sicht von Arbeitgeber:innen, kann lakonisch als Versuch empfunden werden, den Narrativ einer sich abzeichnenden Transformation mit einer im Sinne des Wirtschaftswachstums einhergehenden Definition zu besetzen. Durch die Nutzung neuester Technologien verlagert die neue Arbeit menschliche Aktivität wieder in lokale, regionale Einheiten. Wichtige Begriffe der Transformation sind „Community Production“, „Commons“ und Technologien wie Blockchain und KI. Riesige Produktionsanlagen und Reihen an Maschinen wird es nicht mehr geben.

Doch keine Sorge, liebe Arbeitgeber:innen, die neue Arbeit bleibt unternehmerisch. Sie will aber einen Gewinn für die Menschen generieren – und zwar nicht im Kapital begründet, sondern vielmehr in einem Gewinn an Zeit und Lebensqualität.

Gewissermaßen bedeutet New Work also doch, dass wir wie in der Agrargesellschaft „von Zuhause aus“ arbeiten. Soweit verstehen wir uns.

Was muss passieren?

New Work im Sinne Bergmanns zieht selbstverständlich eine Reihe von Konsequenzen nach sich. Es wird komplett neue Institutionen brauchen, von anders gestalteten Kindergärten, Schulen und Universitäten bis hin zu neuen Formen der Architektur und des städtischen Lebens.

Die Menschen werden dann wirklich „neue Arbeit“ verrichten, wenn diese sie nicht auslaugt, sondern ihnen Vitalität und Kraft verleiht – eine Arbeit existiert, die die Menschen als ihre Berufung erfahren.

Ein Großteil der „neuen Arbeit“ besteht entsprechend in der Transformation von der industriellen hin zu einer neuen Form der Wirtschaft. Die so entstehende neue Wirtschaftsform wird das Fundament sein, auf dem sich ein neues System der Arbeit und somit auch eine neue Lebensweise und Kultur entwickelt.

Sh*t.

Das Alles mag radikal und für viele auch illusorisch klingen. Unabhängig von der Machbarkeit, vom Erfolg oder Misserfolg einer tiefgreifenden strukturellen Transformation, stelle ich persönlich mir die Frage: „Schaffe ich das? Kann ich mich so weit von Besitz und unter Umständen auch Macht trennen? Werde ich mein bereits gelerntes „New Me“ wieder vergessen können, um wahrhaftig frei zu sein?“

 

Euer Lukas

Lukas Glöckner
Author: Lukas Glöckner

Verwandte Beiträge

Lukas Glöckner
Author: Lukas Glöckner