Kurze Zündschnur – Was wir als Gesellschaft aus dem Hundetraining lernen können – Team Insight 2022-02

VERÖFFENTLICHT

10. Februar 2022

ÜBER DEN AUTOR
Henrik Brauel
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Neulich bei Lust auf besser Leben…

Seit letztem Sommer ist Bailey Mitglied unserer Familie, ein temperamentvoller Australian Shepherd. Relativ schnell haben wir gelernt, dass er als Hütehund massiv auf Reize reagiert und dass unser Haupttraining nicht in Tricks und Ausdauersport liegen wird, sondern im Üben von Impulskontrolle. Das gezielte Trainieren von Frustrationstoleranz hat uns einen Hund geschenkt, der auch gechillt auf der Fensterbank im Büro liegt, wenn Horden an Berufsschüler:innen am Fenster vorbeilaufen.

Jetzt fragt Ihr Euch, warum ich das hier erzähle. In den letzten Monaten bemerke ich an den unterschiedlichsten Stellen unserer Gesellschaft, dass Frustrationstoleranz offensichtlich nicht nur bei Hunden, sondern auch bei Menschen ein massives Thema ist.

Konflikte auf allen Ebenen

Klingt dramatisch, aber hier ein paar Beobachtungen von Konflikten, die mich wirklich umtreiben (und mir würden noch tausende mehr einfallen). Kurze Zündschnur überall:

  • Zwei junge Polizeiangestellte sind tragisch ermordet worden – anscheinend, weil die Täter Jagdwilderei vertuschen wollten.
  • Mein selektiver Blick auf die Nachbarschaft zeigt mir: Im Günthersburgpark werden Kinder und Jugendliche mit dem Messer bedroht, um ihnen Taschengeld und Handy zu klauen. Und das nicht nur einmal, sondern regelmäßig. War das schon immer so? Früher auf dem Pausenhof haben sich die Jungs auch geprügelt, aber wurden da auch schon Messer und gebrochene Flaschenhälse gezückt?
  • Im Nachhaltigkeitsausschuss der IHK Frankfurt, dessen Vorsitzende ich bin, kam vor ein paar Monaten das Thema „Verkehrsberuhigung Oeder Weg“ auf. Im Nachgang habe ich mit vielen Menschen über nachhaltige Mobilität in diesem Kontext gesprochen und man kann sich nicht vorstellen, wie wenig kompromissbereit erwachsene Menschen sein können, wenn es um Autos geht.
  • Der Graben zwischen geimpften und ungeimpften Menschen führt nicht nur auf der Straße und bei Spaziergängen zu teils gewalttätigen Konflikten, sondern spaltet mittlerweile auch Familien und Freundschaften. Geduld, Gesprächsbereitschaft und Verständnis beobachte ich mittlerweile eher selten, auf beiden Seiten.
  • Der Umgangston von Kindern und Jugendlichen gegenüber Erwachsenen hat sich in meiner kleinen Welt dramatisch verändert. Mit Eltern, Lehrer:innen, Polizei, Verkäufer:innen wird heute geredet, wie ich es mich damals nicht getraut hätte.

Von einem Extrem ins andere

Aber was heißt denn schon, „wie ich es mich damals nicht getraut hätte“? Viel hat sich verändert und definitiv nicht alles zum Negativen. Angestellte stehen für ihre Rechte ein, Frauen dürfen wählen… Aber ich habe das Gefühl, dass wir in diesem Prozess vom Extrem „Unterdrückung“ und „Fremdbestimmung“ nicht nur bei „Selbstbestimmung“ gelandet sind, sondern auch beim anderen Extrem „Egoismus“.

In der Erziehung meiner eigenen Kinder merke ich, dass es mir unheimlich wichtig ist, sie in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken und ihnen die Kompetenz mitzugeben, ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und artikulieren zu können. Dass ich mir damit ab Kindergartenalter regelmäßig den Spruch einfangen würde „Mach doch selber, du bist nicht der Bestimmer über mich“… das hatte ich bei diesen Überlegungen nicht auf dem Schirm. Ich finde es grundsätzlich eine begrüßenswerte Entwicklung, dass Menschen für ihre Interessen einstehen. Aber dabei wird teilweise das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Nur weil Angestellte für ihre Interessen eintreten, sind Unternehmen keine Selbstbedienungsläden geworden. Nur weil Kinder für ihre Rechte einstehen sollen, muss dabei nicht Respekt und Höflichkeit vergessen werden. Wenn ich Stress habe, sollte das kein Grund dafür sein, jemanden zu erschießen.

Sittenverfall? Erosion der Moral?

Bei Gesprächen zu diesem Thema höre ich öfter, dass wir in einer Zeit des Sittenverfalls und der Erosion der Moral leben. Ich wehre mich gegen diese Wahrnehmung, weil sie für mich suggeriert, dass den Menschen das Wohl der anderen nicht mehr so am Herzen liegen würde wie früher. Nun möchte ich nicht bestreiten, dass manche Eltern ihren Kindern bessere Umgangsformen mit auf den Weg geben könnten, aber weigere mich, mit diesem Menschenbild zu leben. Denn wenn ich davon ausgehen würde, dass Menschen nur auf ihr eigenes Wohl schauen, dann bräuchten wir mit Nachhaltigkeit gar nicht erst anfangen. Klar können wir von Menschen nicht erwarten, ständig und systematisch gegen ihre eigenen Interessen zu verstoßen, aber ich gehe schon davon aus, dass alle Menschen grundsätzlich ein Interesse am Schutz der Umwelt und dem Wohl anderer Menschen haben, nah oder fern, heute oder von zukünftigen Generationen.

Warum die kurze Zündschnur? Bewusstsein für eigene Rechte versus kontraproduktive Rahmenbedingungen

Als ich für das Jugend- und Sozialamt der Stadt Frankfurt den Prozess „Zukunft Frankfurter Kindern Sichern“ moderiert habe, haben die Fachkräfte, die täglich mit jungen Menschen zusammenarbeiten, einstimmig folgende Aussage getroffen: Jugendliche stehen immer mehr unter Druck – durch die Taktung des Alltags, den Stress der Eltern, wenig Platz in der Wohnung, fehlende öffentliche Räume, Lärm, schnelle Ampeltaktungen, Existenzangst in Bezug auf Noten und Jobchancen… Das sind wahrlich keine Rahmenbedingungen, die Entfaltung, Wachstum und Zufriedenheit fördern. Da ist mächtig Druck auf dem Kessel. Und auf einmal läuft ein 18-Jähriger an der Uni Heidelberg Amok. Und es sind nicht nur die Jugendlichen, die eine kurze Zündschnur haben. Corona hat die Existenzängste von vielen Menschen dramatisch angekurbelt. Keine Atempause, keine Perspektive. Aber wie soll das zusammenpassen? Wir unterstützen das Kinderbüro dabei, das Thema „Kinderrechte“ in die Fläche zu bringen, und gleichzeitig wachsen diese Kinder mit sehr realen Ängsten auf. Mein 12-jähriger Sohn hat mir letzte Woche erst gesagt, dass er nicht daran glaubt, dass wir den Klimawandel noch rechtzeitig gestoppt bekommen und er deshalb keine Kinder bekommen möchte, weil er ihnen die Welt nicht zumuten kann, die auf uns zukommt. Ich kann schon verstehen, dass in dieser Situation die Zündschnur bei vielen Menschen sehr kurz ist.

Resilienz und lösungsorientiertes Mindset

Aber wie agiert man in dieser Situation? Wie können wir weiter für unsere legitimen Interessen einstehen und uns nicht von frustrierenden Rahmenbedingungen unterkriegen lassen? Ich glaube, dass dabei zwei Kompetenzen eine Schlüsselrolle spielen:

  • Resilienz: Ich freue mich sehr, dass das Bewusstsein für die Bedeutung von Resilienz in den letzten Jahren gestiegen ist. Denn wir brauchen Resilienz, wenn wir Krisen (kleine und große, alltägliche und existenzielle) nicht nur überstehen, sondern gestärkt und gewachsen aus ihnen hervorgehen möchten. Nichts anderes ist das Training zur Impulskontrolle mit Bailey. Spoiler: „Resilienz“ wird auch eine wichtige Rolle beim Familienkongress 2022 spielen, bei dessen Vorbereitung wir das Frankfurter Bündnis für Familien aktuell unterstützen.
  • Lösungsorientiertes und kooperatives Mindset: Die Probleme lösen sich allerdings nicht von alleine, egal wieviel Resilienz wir an den Tag legen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir uns neben unseren eigenen Interessen auch stets bewusst machen, dass die Interessen von anderen genauso wichtig und legitim sind wie die eigenen. Es darum geht, Lösungen für alle zu finden, statt unsere Interessen gegen die von anderen durchzusetzen. Bei Galef lese ich dazu, dass wir mehr „scout mindset“ statt „soldier mindset“ brauchen. Wie bekommen wir mehr Scouts? Wir brauchen sie überall: auf Spielplätzen, in Schulen, Verbänden, Unternehmen und insbesondere in der Politik.

Bleibt nur noch die Quizfrage, wie wir diese Kompetenzen systematisch ausbilden, damit wir endlich anreizkompatible Rahmenbedingungen schaffen, im Kleinen wie im Großen. Für die Zukunft habe ich große Hoffnung in die vielen Projekte zur „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE), die wir im Auftrag des Hessischen Umweltministeriums koordinieren. Aber schaffen wir diesen Transformationsprozess schnell genug? Wie seht Ihr das? Mal sehen, wieviel dieser Kompetenzen unsere neue Bundesregierung beweist.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf und gehe in der Zwischenzeit viel mit Bailey im Wald spazieren. Solange ich den Wald noch vor der Haustür habe.

Eure Alex

Henrik Brauel
Author: Henrik Brauel

Hallo, ich bin Henrik. Ich mache zurzeit mein FÖJ bei Lust auf besser leben und kümmere mich primär um den Webguide, Newsletter und das Botschafter:innenprogramm. Dabei arbeite ich mich gerne in neue Themen ein und veröffentliche sie für Euch in Form von informativen Artikeln im Blog.

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