Grabsteine: Ausdruck von Emotionen, Persönlichkeit, Verantwortung und Werten

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29. September 2021

ÜBER DEN AUTOR
Alexandra v.W. v.W.
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„Qualität ist für uns als Handwerksunternehmen Ehrensache. Aber meine besondere Verantwortung als Händler, der ich Grabsteine verkaufe, sehe ich darin, die Lieferkette meiner Steine zu kennen, auf Arbeits- und Sozialbedingungen zu achten und die Kund:innen in Hinblick auf Werte und Nachhaltigkeit gut zu beraten.“ Matthias Hofmeister von Hofmeister Natursteine

Unsere Reise hinter die Ladentheken Frankfurts bringt uns zum Hauptfriedhof. Bevor ich Matthias Hofmeister von Hofmeister Natursteine in seiner Ausstellung in der Eckenheimer Landstraße besuche, schlendere ich über den Friedhof. Stille, Ruhe, Trauer, Zusammengehörigkeit und Zwietracht von Familien. Eine Vielfalt an Gefühlen können wir hier gleichzeitig beobachten. Der Gang über den Friedhof zeigt gleichzeitig, wie sich unsere Gesellschaft ändert. Im alten Teil sind die Gräber prunkvoll, Lebenswerke von Menschen werden gewürdigt. Im neuen Teil wird es schmuckloser, hier scheinen die Gräber vor allem der Erinnerung zu dienen und weniger der Repräsentation. Was geblieben ist: das Material. Naturstein wird immer noch genutzt für die Fertigung der Grabsteine. Aber was ist den Menschen wichtig, die für ihre nächsten Angehörigen einen Grabstein aussuchen? Auf was legen sie Wert?

Mit Matthias Hofmeister spreche ich über Preise, Farben, Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, Lieferwege und das ganz besondere Etwas. Das Familienunternehmen gibt es seit 1864. Er verkauft seit 1993 Steine. In diesen Jahren konnte er viel lernen über die Präferenzen seiner Kundschaft. Ich möchte von ihm wissen, was das Hauptverkaufsargument ist. „Das kann man so nicht sagen. Wie bei der Mode oder Nahrungsmitteln gibt es Menschen, denen die Qualität wichtig ist. Und dann gibt es diejenigen, denen es nur um den Preis geht.“

Aber was zeichnet Qualität bei einem Naturstein aus? Unter Qualität bei einem Grabstein kann ich mir nicht viel vorstellen. Ich dachte immer, alle Steine werden aus einem Steinbruch rausgebrochen, aufgeschnitten, sind hart und Jahrtausende beständig. Was unterscheidet denn einen Stein vom anderen? Matthias Hofmeister bestätigt, dass Naturstein als Naturprodukt an sich immer hochwertig ist, egal wo er herkommt und wie er aussieht. Die Frage ist, was einem wichtig ist. Kalkstein und Sandstein ist eher sanft, weich, aber auch witterungsanfälliger. Härter sind Marmor und Granit. Marmor entsteht durch Ablagerungen auf dem Meeresboden, die im Lauf von Millionen Jahren durch Kompression und Wind zusammengedrückt werden. Granit ist ein magmatisches Gestein, d.h. das Magma erkaltete sich langsam im Inneren der Erdkruste. Diese Details interessieren jedoch nur wenige Kund:innen. Interessanter ist schon das Erscheinungsbild: Wie soll die Maserung sein? Der Farbton? Die Polierung?

Beliebt sind vor allem Steine aus Indien, Brasilien, China, Skandinavien, der Schweiz oder Italien

Matthias Hofmeister erklärt, dass 55% der Importe von bearbeiteten Naturwerksteinen nach Deutschland aus China kommen und gerade in China erhebliche Fortschritte bei der Verbesserung von Arbeitsbedingungen beobachtet werden. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Lieferketten von Naturwerksteinen auch über mehrere Länder gehen können. Bei nicht zertifizierten Lieferketten ist es daher möglich, dass das angegebene Importland und das Abbauland nicht identisch sind. So sagt Matthias Hofmeister, dass etwa zwei Drittel der Grabsteine und Einfassungen in Deutschland aus Indien stammen, auch wenn ihr Lieferweg sie über China nach Deutschland bringt, mit bis zu 30.000 km Lieferweg, und leider mit wenig umweltfreundlichen Containerschiffen.

Dabei ist auch Deutschland „steinreich“: in Deutschland gibt es rund 250 aktive Steinbrüche. Gerade heimatverbundene Menschen wählen gerne einen regionalen roten Mainsandstein. Aber bei Steinen gilt auch die Schweiz oder Italien noch als „regional“. Granit aus Andeer in der Schweiz hat eine grüne Farbe und erinnert seine Kundschaft gerne an die Naturverbundenheit oder Wanderungen mit dem Gestorbenen. Warum kommen dann so viele Steine aus Indien oder China? Viele bevorzugen die wärmeren Farbtöne des Steins. Aber auch die Preise sind oft günstiger.

Geringe Lohnkosten und Frachtkosten aus Fernost machen Steine aus Indien und China oft günstiger 

Der Preis für den Stein hängt neben der Qualität und der Verarbeitung im deutschen Steinmetzbetrieb insbesondere von den Kosten für den Abbau im Steinbruch und den Logistikkosten ab. Dabei scheint es verrückt, dass ein Stein aus China oder Indien mittlerweile oft günstiger ist als ein regionaler Stein, wie mir Matthias Hofmeister erklärt. Das liegt zum einen an den geringen Lohnkosten in Fernost, aber auch daran, dass Frachtkosten per Containerschiff von China nach Deutschland im Verhältnis günstiger sind als LKW-Kosten von Italien nach Frankfurt. Grob kann man sagen, dass ein regionaler Stein zwar etwas teurer ist als ein Stein aus Indien oder China – aber vielen Menschen ist der Mehrwert für das lokale Produkt mit geringeren Wegen und sicheren Arbeits- und Sozialstandards diesen Mehrpreis wert.

Arbeits- und Sozialstandards bei Grabsteinen – Müssen wir Sorge vor Kinderarbeit haben?

In Berichten erfahren Verbraucher:innen immer wieder von Staublunge, Kinderarbeit, dauerhaften Temperaturen von über 35 Grad in der Produktionshalle oder fehlenden Sicherheitsvorkehrungen. Matthias Hofmeister spricht hier von „asiatischen Sicherheitsschuhen“, wenn Arbeiter:innen in Flip Flops in der Produktionshalle stehen. Immerhin gibt es mittlerweile Zertifizierungen für Natursteine wie Xertifix, Fair Stone oder IGEP, und immer mehr deutsche Friedhofsordnungen sehen vor, dass Grabsteine aus China, Indien, Vietnam und den Philippinen eine Zertifizierung benötigen. Wie gut diese Regeln umgesetzt und die Zertifikate kontrolliert werden können, wird heiß diskutiert. In Baden-Württemberg gelten nach dem Gesetz Steine, die aus dem Europäischen Wirtschaftsraum oder der Schweiz stammen, als frei von Kinderarbeit. Bei Steinen aus anderen Herkunftsländern muss dies durch bewährte Gütesiegel nachgewiesen werden. Auch eine schriftliche Erklärung des Steinmetzes, dass es keinen Anhaltspunkt für Kinderarbeit bei der Produktion des Steins gibt, ist gültig. Aber wie kein ein Steinmetz glaubwürdig eine solche Erklärung abgeben?

Arbeits- und Sozialstandards können insbesondere durch kurze und transparente Lieferketten sichergestellt werden

Deshalb vertrauen einige deutsche Natursteinunternehmen – wie auch Hofmeister Natursteine – ungerne auf intransparente Lieferwege mit Zwischenhandel, sondern haben langjährige enge Partnerschaften zu ihren Zulieferern im Ausland, bei denen sie die Produktionsbedingungen vor Ort persönlich kennen. Matthias Hofmeister erklärt, dass er regelmäßig selbst nach Indien und China fliegt, um sich von den Arbeitsbedingungen zu überzeugen. „Mit unserem Lieferanten aus Indien hat schon mein Vater vor 40 Jahren Geschäfte gemacht, es wurden Schulen für die Kinder der Angestellten gebaut, und die Produktionshalle mit automatisierten Großmaschinen lässt kaum Raum für Kinderarbeit. Das könnte meine Familie mit unserer Verantwortung als Familienunternehmen und unseren Werten auch nicht vereinbaren. Das heißt nicht, dass in Indien keine Kinder in Steinbrüchen arbeiten, aber aus meiner Erfahrung eher bei Steinen für den lokalen indischen Markt mit weniger industrieller Fertigung. “

Ob sich seine Kund:innen für Arbeits- und Sozialbedingungen überhaupt interessieren, möchte ich von ihm wissen. „Auf jeden Fall!“, sagt er.

„Mindestens ein Drittel der Kund:innen fragt explizit nach den Arbeits- und Sozialbedingungen in den Steinbrüchen“, sagt Matthias Hofmeister.

„Am Ende geht es den Menschen bei mir im Laden um eine ausgewogene Kombination aus Preis, Erscheinungsbild des Steins und sozialer Verantwortung“, erklärt er. Ob er die Gewichtung dieser Dimensionen durch seine Beratung beeinflussen könne, frage ich ihn. Er antwortet, dass genau diese Beratung das wichtigste Alleinstellungsmerkmal seines Geschäfts ist. „Ich zeige den Kund:innen Fotos aus den Steinbrüchen, von den Menschen vor Ort, von meinen Reisen, bei denen ich persönlich die Rohblöcke aussuche. Und gerne können sie uns in der Fertigungshalle besuchen, um sich davon zu überzeugen, dass handgemeißelte Schriften von unseren Steinmetz:innen einfach viel schöner und individueller sind, als maschinell gestrahlte. Aber wenn das Budget die Handarbeit nicht hergibt, dann bekommt man bei uns auch hochwertige maschinell eingearbeitete Schriften.“

Auch die Ausbildung und Beschäftigung von Steinmetz:innen ist eine Dimension der Nachhaltigkeit

Das bringt Matthias Hofmeister zu einem Thema, das ihn besonders am Herzen liegt: „Ich höre immer wieder den Wunsch nach lokaler Handarbeit und kurzen Lieferketten. Die Wertschätzung dafür müssen Verbraucher:innen am Ende mit einer gewissen Zahlungsbereitschaft beweisen. Durch Corona sind die Transportkosten für unsere Steine deutlich hochgegangen. Gleichzeitig möchte ich meine Steinmetz:innen im Betrieb fair entlohnen, denn sie leisten tolle Arbeit. Das gehört für mich auch zur Nachhaltigkeit unseres Unternehmens.“

Ich danke Matthias Hofmeister für das Interview, und auf dem Weg zurück über den Friedhof habe ich einen ganz anderen Blick auf die Grabsteine. Wo mögen die Steine herkommen? Wieviel Kilometer hat ihre Lieferung hinter sich? Wer hat ihre Schrift eingearbeitet? Welche Geschichte über die verstorbene Person erzählen sie?

Was haben wir gelernt:

  • Steine aus Indien oder China haben zum Teil 30.000 km Transportwege hinter sich, während der rote Mainsandstein nur aus knapp 80 km Entfernung kommt. Trotzdem ist der regionale Stein oft teurer als der aus Fernost.
  • Es existieren Zertifizierungen wie Xertifix, Fair Stone oder IGEP, aber längst nicht alle Steinimporte sind zertifiziert, und Dreieckslieferungen machen die Rückverfolgung von Steinen komplex.
  • Lokale Steinmetze, die Transparenz in ihrer Lieferkette glaubwürdig darstellen, sind nicht unbedingt weniger glaubwürdig.
  • Arbeits- und Sozialbedingungen spielen nicht nur in entfernten Ländern eine große Rolle, sondern auch bei der Ausbildung und Beschäftigung von Steinmetz:innen in Frankfurt.

Zum weiteren Nachlesen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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