Tut sich was? Gedanken zu Veränderungen in der Nachhaltigkeitsdebatte. Team Insights 2021-22

VERÖFFENTLICHT

25. November 2021

ÜBER DEN AUTOR
Henrik Brauel
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Neulich bei der Lust auf besser leben gGmbH…

Wow, schon fast 10 Jahre…

Vor kurzem habe ich festgestellt, dass ich beruflich seit fast 10 Jahren im Bereich Nachhaltigkeit tätig bin. Für viele verschiedene Zielgruppen habe ich in dieser Zeit bereits Workshops zum Thema Nachhaltigkeit gehalten. Sei es als Beraterin in meist mittelständischen Unternehmen, in anwendungsorientierten Forschungsprojekten sowie im Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Seit kurzem bin ich nun wieder vollständig aus der Babypause zurück und ich muss sagen – wenn ich so zurückblicke – es hat sich in den letzten Jahren etwas verändert. Und zwar sowohl auf persönlicher als auch inhaltlicher Ebene, wenn im beruflichen Kontext über Nachhaltigkeit diskutiert wird und wurde. Ich weiß, es kann problematisch sein anhand von persönlichen Wahrnehmungen auf einen allgemeinen Trend zu schließen, aber ich wollte Euch dennoch an meinen Gedanken teilhaben lassen.

  1. Das Thema Nachhaltigkeit ist präsenter geworden

Im Vergleich zu früher bekomme ich immer mehr das Gefühl, dass das Thema Nachhaltigkeit im Bewusstsein vieler Menschen angekommen ist. Zudem merke ich auch, dass dem Thema gesamtgesellschaftlich (alltäglich, medial, politisch, kulturell) eine größere Bedeutsamkeit und auch Dringlichkeit zugeschrieben wird. In der Vergangenheit habe ich viel häufiger die Anmerkung gehört „Nachhaltigkeit ist ja ganz nett, aber man muss es sich halt auch leisten können“. Dies galt sowohl für Gespräche mit Konsument:innen als auch Unternehmensvertreter:innen. Heute scheint ein Konsens darüber zu bestehen, dass Nachhaltigkeit ein wichtiges und weniger marginalisierbares Thema der Zukunft ist. Das ist vielleicht zunächst wenig verwunderlich, da es auch in der medialen Berichterstattung mehr Raum einnimmt.

Nur wünschte ich mir, dass die zunehmende Einsicht, die Dringlichkeit und Betroffenheit sich stärker mit konsequenterem, nachhaltigem Handeln einhergeht. Es gibt zahlreiche „Rechtfertigungsgeschichten“, um den Volkskundler und Erzählforscher Albrecht Lehmann zu zitieren, die von Gesprächspartner:innen und Mitdiskutant:innen vorgeschoben werden, warum sie nicht nachhaltig Handeln (können).

Auf der Seite www.nachhaltige-lernorte.de findet ihr übrigens ein paar nützliche Argumentationshilfen, wenn ihr mal wieder mit den typischen Argumenten und Rechtfertigungen gegen nachhaltiges Handeln konfrontiert werdet.

Unternehmen allerdings, und das ist eine gute Nachricht, müssen sich mehr und mehr dem Thema stellen, da zunehmend verbindliche Pflichten und Gesetze erlassen werden – sei es die Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung für große Unternehmen oder das kommende Lieferkettengesetz (hier besteht noch erhebliches Verbesserungspotenzial).

Was hat sich noch verändert?

  1. Ich habe mehr Selbstbewusstsein gewonnen, aber auch Ängste werden stärker

Die langjährige Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit und nachhaltigem Wirtschaften ermöglicht es mir im beruflichen Kontext souveräner zu sein und viele gute Beispiele anführen zu können wie nachhaltiger im (Unternehmens-)alltag gehandelt werden kann. Während ich früher noch Stunde um Stunde zu haltende Präsentationen eingeübt habe, kommen mir mit mehr Erfahrung die Inhalte nun leichter über die Lippen. Weniger souverän werde ich hingegen hinsichtlich der Inhalte, die ich vermittle: Wenn ich über das 1,5 bzw. 2-Grad-Ziel sowie die planetaren Grenzen und ihre Kipppunkte referiere und diskutiere, bin ich heute deutlich desillusionierter und habe ehrlich gesagt auch mehr Zukunftsängste. Für mich ist es augenscheinlich, dass wir eine massive Transformation der Gesellschaft benötigen und schon zu viel Zeit verschwendet haben. Da fällt es mir teilweise wirklich nicht leicht ein fröhliches „Packen wir es an“ und „Jeder kleine Schritt hilft“ zu vermitteln. Und ich werde leicht ungeduldig, wenn schon wieder lediglich anhand der Elektromobilität diskutiert wird und diese als Symbol aufgeführt wird, warum nachhaltiges Handeln unbedingt hinterfragt werden muss… (Hier findet Ihr eine recht aktuelle Studie des BMU zu der Frage Wie umweltfreundlich sind Elektroautos?“)

Dennoch ist es am Ende des Tages immer ein gutes Gefühl, wenn man Menschen mit Themen, die einem wichtig sind, erreicht hat und sie wenigstens zum Nachdenken angeregt hat. Auch wenn mir das gerade alles deutlich zu langsam geht, ist es dann ja vielleicht doch so, dass jeder kleine Schritt hilft.

Liebe Grüße,

Eure Jaya

 

Henrik Brauel
Author: Henrik Brauel

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