Ist Kümmern ein Nice to Have? Team Insights 2021-19

VERÖFFENTLICHT

16. September 2021

ÜBER DEN AUTOR
Jürgen Haas
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Neulich bei der Lust auf besser Leben gGmbH … 

„Ist Kümmern ein Nice to Have?“

Sie begegnen uns auf dem Spielplatz und vor dem Schultor von Grundschulen: Helikoptereltern. Bei dem Begriff schwingt immer mit, dass manche Eltern ihre Kinder überbehüten und ihnen das Lernen von Selbständigkeit verbauen. Als Mutter wollte ich das immer vermeiden. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern um der Entwicklung meiner Jungs nicht im Wege zu stehen. Nun begleitet mich seit einiger Zeit der Gedanke: Kann Fürsorglichkeit wirklich schlecht sein? Oder habe ich meinen Kindern durch meine Erziehung zur Selbständigkeit vielleicht zu wenig davon geschenkt? Und was heißt das für die Arbeit? Wo kümmern wir uns aktuell zu viel? Zu wenig? Sollen wir Mitarbeiter:innen bei Projekten ins kalte Wasser schmeißen oder an die Hand nehmen?

Meine goldene Regel greift für mich auch bei dieser Frage: Es gibt von den meisten Verhaltensweisen ein gesundes Maß, zu viel und zu wenig ist kontraproduktiv, und so ist es doch auch mit der Fürsorglichkeit. Man kann Menschen mit Fürsorge ersticken oder zum Aufblühen verhelfen. Von daher ist die Frage eigentlich nicht, ob Fürsorge gut oder schlecht ist. Natürlich ist sie wichtig! Aber eben auf eine gesunde Weise.

Mir ist nun aber immer häufiger aufgefallen, dass im beruflichen Kontext selten systematisch Wert auf dieses Kümmern gelegt wird. Bei den meisten Angeboten, die wir schreiben, wird als erstes das „Drumherum“ gestrichen. Effizient soll es sein. Dabei hat sich bei uns in den letzten Jahren immer wieder herausgestellt:

Kümmern ist ein wichtiger Erfolgsfaktor, egal für welches Projekt.

Ein paar Beispiele aus unseren aktuellen Projekten, die uns zu der Erkenntnis bringen, dass wir für das „Kümmern“ unbedingt Zeit und Geld einplanen sollten:

Kümmererprojekt #rundumdieberger: Die meisten von uns merken, dass der lokale Einzelhandel durch Corona und durch Online-Shopping stark gelitten hat. Gleichzeitig wünschen wir uns von den Geschäften, dass sie nachhaltig wirtschaften und tausend Dinge in ihrer Wertschöpfung berücksichtigen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass dies ohne Unterstützung eine reine Überforderung ist. Deshalb freuen wir uns, dass wir in Zusammenarbeit mit dem Gewerbeverein Bornheim Mitte, dem Wirtschaftsdezernat und der Wirtschaftsförderung Frankfurt das Kümmererprojekt durchführen dürfen. Denn die Aufgaben erfordern, dass sich die Betroffenen im Quartier zusammentun und gemeinsam für Lösungen sorgen, die die Berger Straße und ihre Seitenstraßen als Einkaufs- und Lebensader fit für die Zukunft machen. Unsere Margit macht das ausgezeichnet! Und zwar nur, weil sie ausdrücklich Zeit für das Kümmern und Vernetzen hat (und dazu ein gutes Händchen im Umgang mit Menschen).

Gesamtkoordination BNE-Netzwerke: In Hessen gibt es neun Netzwerke für „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE). Ihr gemeinsames Ziel ist es, Bildungsangebote für nachhaltige Entwicklung zu gestalten und jede:n Einzelne:n zu mehr Nachhaltigkeit zu befähigen. Um die Netzwerke zu unterstützen, hat das Hessische Umweltministerium uns mit der Gesamtkoordination beauftragt. Und auch da zeigt sich immer wieder: Die Unterstützung liegt nicht ausschließlich in der Durchführung von Qualifizierungsveranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit oder der Erstellung von Qualitätskonzepten, sondern insbesondere im Kümmern. Ankathrin ist super im Kümmern: Hörer in die Hand nehmen und die Netzwerkkoordinator:innen anrufen: Wo drückt der Schuh? Wo können wir helfen? Mit wem können wir vernetzen, um Synergien zu schaffen und gute Lösungen zu skalieren?

Ich nehme mir immer wieder vor, diese Bedeutung des Kümmerns präsent zu haben und als Investition zu betrachten. Wie bei allen Investitionen muss man zwar erstmal etwas haben, das man investieren kann. Wo keine Zeit und kein Geld vorhanden ist, da kann auch nicht investiert werden. Aber meistens geht mehr, als ich denke oder als ich in dem Moment aus Bequemlichkeit (wann ist Zeitnot Bequemlichkeit?) sehen will. Womit wir wieder bei der Bequemlichkeit und der Kindererziehung wären. Aber die Frage, wie man sich gleichzeitig gut um die Kinder und um die Projekte und die beteiligten Menschen kümmern kann, ist noch mal eine ganz andere Frage, die hier den Rahmen sprengen würde. One step at a time.

Mich würde interessieren, wie Ihr Lösungen findet, um systematisch genug Zeit und Geld fürs Kümmern und Netzwerken einzuplanen. Wie macht Ihr das?

Eure Alex

 

Jürgen Haas
Author: Jürgen Haas

Auf dem Weg vom Sponti - lange her - zum Graswurzelschrauber. Soll heißen, wir beschäftigen uns erst Mal mit der eigenen Alltagswirklichkeit. Bioprodukte verbrauchen, Energie sparen, Fahrrad fahren und so weiter. Unser Frankfurt weiter entwickeln. Und natürlich darüber reden und schreiben. Wenn´s im Kleinen besser wird, folgen die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen mit etwas Geduld nach. Ist eigentlich gar nicht so verschieden vom Anfang - von der Geduld mal abgesehen.

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