Am Ende der Nahrungskette – Was fallschirmspringende Katzen mit plastikfressenden Bakterien zu tun haben: Systemic Thinking für Optimist:innen

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7. November 2022

ÜBER DEN AUTOR
Svenja Flach
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Ich bin Lukas, Kommunikationsmanager (B.A.), Mediengestalter (staatlich geprüft immerhin) – seit Oktober 2022 bei LABL, schreibe gerade meinen ersten Teaminsight. Da ich parallel noch an einem Beitrag für den Recyclist sitze, bringe ich die beiden Schreibprozesse unweigerlich zusammen. Das sagt sicher mehr über mich aus, als ich es selbst beschreiben könnte. Das Schöne an Geschichten finde ich, dass sie sich im Laufe der Zeit verändern und das Potenzial haben, zu Fabeln, zu Märchen, zu Legenden zu werden oder eben banaler Teil der Geschichte bleiben.

 

Um 1950 in der Region Sarawak auf der Insel Borneo: Die dort lebende Bevölkerung ruft verzweifelt bei der WHO, der Weltgesundheitsorganisation an und berichtet von einer Malariaplage, ausgelöst durch die ungeliebte Anophelesmücke. Mit Flugzeugen wird kurz darauf das Insektizid DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) über dem Dschungel und den Dörfern versprüht. Moskitos tot, Menschen glücklich.

 

Kurz darauf fallen den Bewohnern Borneos (den „Dayak“ – Kreuzworträtsel Wissen – „Bewohner Borneos mit 5 Buchstaben“) ihre Dächer auf den Kopf. Das Insektizid hatte großen „Erfolg“ mit den Mücken und vernichtete nebenbei auch noch die ansässige Schlupfwespenpopulation. Die Schlupfwespen sind allerdings die natürlichen Fressfeinde der Raupen des Zünslerfalters. Diese konnten sich nun ungehindert vermehren und fraßen die Dächer der Dayak über deren Köpfen auf. Doch nicht nur das, auch anderen Mückenarten bekam das Gift nicht gut. Die verschiedenen Mückenarten aber sind das Hauptnahrungsmittel der Geckos, die wiederum gerne von den Katzen auf Borneo gefressen werden. Das Gift gelangte also bis in den Organismus der Haustiger und wer hielt es für möglich, auch den Katzen bekam das Gift nicht und sie starben.

 

Aufmerksame Leser:innen sind jetzt bereits gedanklich auf der nächsten Stufe der Kaskade angelangt: Wenn die Katzen tot sind, wer frisst dann die Mäuse und Ratten?

 

Nun, der Eingriff in dieses isolierte Ökosystem brachte eine Rattenplage mit sich, und dadurch auch einen Ausbrauch sämtlicher von den Nagetieren übertragenen Krankheiten.

 

Die Dayak riefen also erneut die WHO um Hilfe, und die kam in Form von aus Flugzeugen abgeworfenen Katzen. Tatsächlich konnte so die ökologische Wechselwirkung des Einsatzes des Giftes „neutralisiert“ werden. Wie viele Katzen abgeworfen wurden, und ob diese tatsächlich direkt am Fallschirm hingen oder doch eher mit Transportboxen das Flugzeug verließen – Geschichten ändern sich eben im Laufe der Zeit.

 

Doch es geht hier nicht um den Wahrheitsgehalt dieses „urbanen Mythos“ (Operation Cat Drop), sondern darum, was wir daraus lernen können, und um plastikfressende Bakterien selbstverständlich.

 

Das Problem mit dem Plastik in der Natur müsste allseits bekannt sein. Umso erfreulicher, dass es jetzt erste fundierte Ansätze für eine Lösung des Problems mit dem Recycling von PET gibt. Recycelt werden kann das Plastik nämlich von einem Bakterium (Ideonella sakaiensis), besser gesagt von dem in dem Bakterium vorkommenden Enzymen: PETase und MHETase. Die Enzyme zerlegen das PET in seine Grundbausteine, wodurch es sich nahezu vollständig zurück in den Wirtschaftskreislauf integrieren lässt. (Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit diesem Thema gibt es dann im Recyclist zu lesen.)

 

Doch die guten Nachrichten hören hier nicht auf: Das enzymatische Verfahren mit den Bakterien ist auch sehr viel preiswerter (63€/T) als das mechanische (250€/T) oder das chemische Verfahren (500€/T) zum PET-Recycling. Oftmals scheitern gute Ideen ja auch einfach nur an ihrer fehlenden Wirtschaftlichkeit.

 

Apropos Wirtschaftlichkeit: Wenn es gelänge, die ablaufenden Prozesse in einen schneller wachsenden Mikroorganismus zu „kopieren“, ließe sich auch noch die Geschwindigkeit erhöhen, mit der das PET verstoffwechselt werden kann. „Metabolic Engineering“ (auch „Pathwaydesign“) heißt das Verfahren, an dem hochgradig intelligente Wissenschaftler:innen gerade sitzen.

 

An dieser Stelle meiner Recherche für den Beitrag im Recyclist musste ich an die fallschirmspringenden Katzen denken. Der Mensch am Ende der Nahrungskette, kleinste Teilchen des Universums beobachtend, sieht oftmals nicht das große Ganze im Kleinen. Systematic thinking ist das Stichwort, mit dem wir uns unseren (Nachhaltigkeits-) Herausforderungen zuwenden sollten.

 

Meine Vision: Genetisch veränderte Bakterien, die das Mikroplastik direkt in den Weltmeeren verdauen – oder …

 

… braucht es an dieser Stelle einen Apell daran stets zu bedenken, welche Wechselwirkungen und Konsequenzen Eingriffe in unser komplexes Ökosystem haben können?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Svenja Flach
Author: Svenja Flach

Hi, ich bin Svenja. Ich mache zurzeit mein FÖJ bei Lust auf besser leben und kümmere mich um die Veröffentlichung unserer Events und unseres Blogs sowie den Newsletter. Des Weiteren bin ich für unseren Instagram- und Facebook-Account zuständig und unterstütze das Team bei einigen Projekten.

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